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Das Training des jungen Springpferdes

von Burchard von Jena

 

Der Zweck aller Bemühungen in der Schulung von Springpferden ist, ein möglichst geschmeidiges, leicht lenkbares  – je nach Bedarf zulegendes oder das Tempo verkürzendes –  aus dem Rücken und flüssig aus dem Galopp heraus springendes, kurz: ein bequemes und rittiges Pferd zu bekommen.

Da bekanntlich in jedem Sport viele Wege nach Rom führen, will ich hier weniger die Mittel und Wege für die individuellen Künstler und Könner auf diesem Gebiet, als vielmehr diejenigen für den Durchschnittsreiter auf Durchschnittspferden zu beschreiben versuchen.

Ich gehe dabei von folgendem Grundgedanken aus:

Man verlangt in den heutigen Springprüfungen von den Pferden, dass sie möglichst schnell und sicher eine Anzahl Hindernisse, die auf einem mehr oder weniger kleinen Platz zusammengedrängt aufgebaut sind, überwinden. Also ein Jagdritt in komprimierter Form, könnte man sagen, der von Reiter und Pferd ziemlich große Geschicklichkeit verlangt.

Welche Trainingsmethoden nach meinen Erfahrungen am besten dahin führen, will ich nachstehend zu erläutern versuchen.
 

Sehr gut angelegter Oxer

Beidseitig flankiert durch mächtige Blumenkästen. Vor der An- und hinter der Absprungseite je zwei Cavaletti. Das ganze Hindernis einladend und fair gebaut. Pferd („Saphir“, Irl.) und Reiter (Hptm. Ilg) nahe an der Vollendung.

Es steht außer jedem Zweifel  – dies weiß die ganze Springsport treibende Welt längst – dass ein Pferd mit einer guten „Grundlage“, womit ich ein an den Hilfen stehendes, in Selbsthaltung gehendes, mit langem Halse und weit vorgestreckter Nase den Zügel in der Tiefe suchendes Pferd meine, die Springausbildung  – und nur davon soll hier die Rede sein –  außerordentlich erleichtert.

Wie ich schon in meinem Aufsatz über den „Leichten Sitz“ erwähnte, geschieht dies aber nicht mit den sogen. klassischen Mitteln der Dressur, sondern unter Anwendung natürlicher Bewegungsvorgänge beim Pferd, wie sie von den größten Fachmännern auf dem Gebiete der dynamischen Gesetze seit langem erkannt und bewiesen wurden. Dem Nichtfachmann mögen oft die Übungen zum Rittigmachen als „Dressur-Lektionen“ erscheinen. Er kann eben einfach nicht den Unterschied zwischen spannenden und lösenden Übungen erkennen, weil konsequenterweise auch die Lösungsgymnastik mit An- und Abspannung von Muskelgruppen betrieben wird.

Grundsätzlich sollte man mit dem systematischen Springtraining erst dann beginnen, wenn diese Grundlage beim Pferde erreicht und befestigt ist. Das soll nun nicht heißen, dass man vordem jede Boden-Unebenheit, jeden Kletterhang, jeden natürlichen Graben, jede auf dem Boden liegende Stange oder jeden Baumstamm umgehen soll. Es ist im Gegenteil nur zweckmäßig, wenn man diese natürlichen „Unebenheiten“ frühzeitig benützt. So bekommt das Pferd bald – durch dies gleichsam „spielerische Überwinden“ von kleinen Gegenständen –  das später so dringend notwendige Vertrauen zu den größeren Sachen.

Ein einladendes, d.h. für das Pferd leicht zu taxierendes Hindernis

Rechts angelehnt an ein anderes Hindernis, links (nicht sichtbar) 180 cm hoher Fang. Oberste Stange über der Mauer 140 cm. Manier des Pferdes („Fräulein X“, Hann. Stute von Großinquisitor xx) gut. Zu dem sonst korrekten Sitz des Reiters (Herr von Jena) wäre zu sagen, dass die Hand etwas tiefer sein könnte.

Vorbildlich gebaute Mauer mit Stangen und Blumenkästen in Aachen

Pferd (Hann. „Neithard“) ganz früh abgesprungen, lässt das rechte Vorderbein hängen und bekommt die Stange zwischen die Beine, was zu einem schweren Sturz führte. Sein Reiter, der große deutsche Springkünstler Herbert Frick, Sieger im Springderby 1930 und zweiter 1937 auf „Morgenglanz“ bzw. „Kämpfer“ erfasst mit unnachahm­lichem Reitertakt die kritische Situation. Er gibt seinem Pferd vollständige Halsfreiheit, um zu retten was noch zu retten ist. Tief im Pferd kniend, ist er trotz Neidhards irrsinnig frühem Abdrücken vorbildlich mit der Bewegung mitgekommen. Von untergeordneter Bedeutung ist der, bei sehr stark treibendem Schenkel hochgenommene Absatz.

In vielen Fällen wird das Pferd dabei keine richtigen Sprünge, sondern mehr sprungartige Bewegungen machen, die es langsam auf sein späteres Metier vorbereiten, indem es die zum Springen benötigten Muskelgruppen an- und abspannen muss und damit kräftigt. Es soll dabei die im Wege stehenden, „horizontalen Gegenstände“ als etwas Selbstverständliches und keineswegs Furchteinflössendes kennen und förmlich „lieben“ lernen.

Gleichzeitig wird es dadurch veranlasst, sein Augenmerk häufig auf den Boden vor ihm zu richten und damit zwangsläufig zu einem Vorwärts-abwärts-Strecken von Hals und Kopf, einem schwingenden Betätigen seiner Rückenmuskeln und damit zu der angestrebten Dehnungshaltung kommen.

Einfache Stange ohne Absprung-Erleichterung
(auf dem Photo 165 cm hoch)

Dies dürfte wohl das für das Pferd am schwersten zu taxierende Hindernis darstellen. Diesen, wie auch jeden anderen Steilsprung übe man grundsätzlich zunächst mit Absprungerleichterung, bis die Pferde ganz sicher sind; dann wird es später auch ohne gelingen. Pferd (Vicomte d’Avouts „Quel Jupiter“) mustergültig. Reiter (Hr. von Jena), die tiefen Schultern bewusst etwas übertreibend, vollkommen in Harmonie mit dem Pferd. Man beachte die vorbildliche Knie- und Schenkellage und den nach vorn ausgetretenen Bügel bei ganz tiefem Absatz.

Von entscheidender Wichtigkeit in diesem ersten Stadium der Spring-Schulung ist einmal das Verhalten des Reiters und zum anderen die Art und Weise, wie dies geschieht. Grundsätzlich soll man diese „Unebenheiten“ zunächst im Schritt, später im Trabe zu überwinden versuchen. Aber nur dann, wenn das Pferd sich treiben lässt und mit tiefer, weit vorgestreckter Nase und vollkommener Halsfreiheit  – ohne sich aufzuregen –  an diese Dinge herangeht.

Erregt es sich  – trotz vorherigem Zeigen –  dennoch und fängt es an zu eilen, empfiehlt es sich, [vor der „Un­ebenheit“] so lange abzuwenden, bis es sich beruhigt hat und man zum Treiben kommt. Führt auch dies nicht zum Ziele, nehme man das Pferd an die Longe (selbstverständlich ohne jedwede Behinderung des Pferdes durch einen Hilfszügel) und lasse es so lange über einzelne, auf die Zirkellinie gelegte Stangen oder Cavaletti treten, bis es sich beruhigt hat. Später versuche man dasselbe unter dem Reiter, wobei dieser, im „Leichten Sitz“ reitend, unter allen Umständen eine Störung des Pferdes vermeiden muss. Natürlich kann er das nur, wenn er den „Leichten Sitz“ völlig beherrscht.

So soll man ein Hindernis im allgemeinen nicht aufstellen!

Keine Frage  –  das Ganze nur 3,50 m breit, also beinahe schon ein „Gehorsamssprung“. Haltung des Pferdes vortrefflich  (8jähr. Hann. Stute „Perhaps“). Sitz des Reiters bewusst etwas übertrieben (Hr. von Jena). Bei dieser Aufnahme sollte einem zahlreich erschienenen internationalen Publikum der „Leichte Sitz“, mit dem ganz tiefen Eingehen in die Bewegung des Pferdes praktisch demonstriert werden. Damit alles besser beobachtet werden konnte, wurden die Fänge weggelassen.

In den meisten Fällen werden diese Maßnahmen den gewünschten Erfolg haben und dem Pferd die „Vertrauens-Basis“ für sein späteres Handwerk geben.

Man kann gar nicht genug darauf hinweisen, dass die Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und Ausdauer, die man bei dieser „Vorschule“ aufwenden muss, von ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Entwicklung des jungen Spring­pferdes ist. Hängt doch diese „Vertrauensbildung“, die – wie oben gesagt –  das A und O für alles Weitere ist, im stärksten Maße von diesen ersten Eindrücken ab. Hier wird der „Vertrauens-Grundstein“ für sein Leben gelegt und hiervon hängt es ab, ob das junge Pferd Hindernisse „lieben“ oder fürchten lernt.

Hat man dem Pferde im ersten Jahr des Gerittenwerdens eine derartige „Grundschule“ angedeihen lassen, und den Eindruck, dass dies alles „sitzt“, kann man im zweiten Jahre die Anforderungen langsam steigern. Jeder wirkliche Reiter wird mir Recht geben, wenn ich meine, dass es nicht angebracht ist, ein zeitlich festliegendes Programm in dieser Hinsicht aufzustellen. Entscheiden müssen hier der „Reiter-Takt“ und der Gesamtzustand des in der Entwicklung befindlichen Pferdes.

Daher steigere man die Anforderungen nur, wenn die leichteren Übungen wirklich zufriedenstellend waren.

Beginnt man nun im zweiten Jahr mit den eigentlichen Springübungen, so ist dabei folgendes zu beachten:

Aussehen der Hindernisse und vermutlicher psychologischer Eindruck beim Pferde.

Weniger die tatsächlichen Abmessungen der Hindernisse als das Wie des Aufbaus sind wichtig. Im allgemeinen sollen sie zwar in diesem Stadium 60-80 cm in der Höhe und 2 m in der Breite nicht übersteigen, doch ist das nicht so wesentlich.

Ich halte prinzipiell absolut feste Hindernisse in diesem Ausmaße für am besten. Das Pferd bekommt so von Anfang an den nötigen Respekt und wird die Beine anziehen. Am besten eignen sich dafür Baumstämme, feste bewachsene Erd- oder Steinwälle, Mauern aus Feld- und Ziegelsteinen, feste Gatter, dicke einzelne, doppelte oder dreifache

Fair und leicht zu taxieren ist dieser mächtige Hochweitsprung

(man beachte die auf dem Boden liegende Absprungstange) aufgebaut. Fänge fehlen aus phototechnischen Gründen. Pferd („Perhaps“, 8jährig. Hann. Stute) macht einen (später gemessenen) Sprung von 7,93 m. Reiter (Hr. von Jena) nicht ganz mitgekommen, fasst mit der rechten Hand unter den Hals und öffnet die etwas zu hohe linke Hand.

Stangen, trockene oder nasse Gräben, Billards, Tiefsprünge, hölzerne oder eiserne Tonnen, Holzstapel, natürliche Hecken mit festen Stangen darüber, u. a.. Grundsatz: Fest und solid muss alles sein! Jedes Hindernis muss an den Seiten sehr hohe und breite Fänge haben, die das Pferd gar nicht auf den Gedanken kommen lassen, vorbeizulaufen. Immer muss man sich beim Hindernisbau vor Augen halten, dass ein Hindernis relativ klein und einladend für das Pferd wirkt, wenn die Fänge so hoch und breit sind, dass sie dem Pferd unüberspringbar erscheinen. Ohne dass der Reiter am Zügel zerren und ziehen müsste wird das Pferd so förmlich auf den springbaren Teil hingeführt, der ihm so  – im Verhältnis zu den Fängen –  klein und leicht erscheint.

Für diejenigen Pferde, die ein schlechtes Taxiervermögen besitzen, empfiehlt es sich, zunächst Absprungstangen vor die Hindernisse und Tannenreisig davor zu legen. Immer springe man diese Hindernisse zuerst aus dem Trabe, wenn sie nicht höher als 60-70 cm hoch sind, und erst später aus dem Galopp. In den meisten Fällen ist es auch zweckmäßig, ein Hindernis zuerst 3-4 mal so hintereinander zu springen, dass man einen großen Zirkel, auf dessen Linie das zu übende Hindernis steht, anlegt. Besonderer Wert ist dabei darauf zu legen, dass Tempo und Takt des Trabes vor und nach dem Überwinden des Hindernisses gleich bleiben. Neigt das Pferd zum Eilen, wende man ab und reite solange [immer wieder an diesem Hindernis] vorbei, bis es wieder faul und ruhig wird. Selbstverständlich muss in jedem Falle dem Pferd 10-15 m vor dem Sprung der Hals völlig freigegeben werden. Ebenso ist Klopfen und Loben immer richtig nach dem Sprunge.

In dieser Weise exerziere man geduldig jeden neuartigen Sprung, ehe man dazu übergeht, denselben in ruhigem Galopp zu springen. Erst wenn diese Übungen ganz sicher sitzen, soll man mehrere Hindernisse hintereinander in ruhigem Kanter springen.

Vollendete Harmonie zwischen Reiter und Pferd

Sehr einladendes Hindernis, schräge, grüne Absprunghürde vor einem Wassergraben mit Stangen darüber. Pferd springt genau wie in der Natur ohne Reiter, und der Reiter geht vorbildlich in die Bewegung ein. (Pferd: „Marika“, 10jährig. ungar. Stute; Reiter: Oblt. Stutz)

Will man im weiteren Verlauf der Ausbildung das Pferd an das flüssige Überspringen von höheren und breiteren Sprüngen gewöhnen, empfiehlt sich folgendes zu tun: Man lege [auf dem Springplatz] 10,50 m, in einer kleinen geschlossenen Bahn 6 m vor einen, einladend aufgebauten, zuerst niedrigeren, später höheren Hochweitsprung ein Cavaletto, das nicht höher als 30-40 cm sein soll, und reite diese Kombination in ruhigem Mittelgalopp an. Durch den Sprung über das Cavaletto „passt es“ in den meisten Fällen, und dem Pferde wird so dieser Hochweitsprung sehr erleichtert; es lernt den richtigen Absprung finden, das Sich-fliegen-Lassen und das Vertrauen zu derartigen Hindernissen. Diese Art von Gymnastik ist auch ein sehr gutes Hilfsmittel bei Pferden mir weniger gutem Taxier-Vermögen.

Doppelte und mehrfache Hindernisse: Man übe zunächst ganz niedrig (1. Sprung 50 cm, 2. Sprung 70 cm; Abstand zuerst 10,50 bis 11 m, später 7,50 bzw. 6 m), Man achte besonders auf senkrechtes Anreiten des Doppelsprunges. Als Zielpunkt nehme man sich die Mitte des 2. Sprunges. Weiter achte man auf flüssiges Springen zwischen den beiden Sprüngen und auf gutes Vorwärtsreiten, denn nur dann „passt“ es meistens. Beim Üben an drei- und mehrfachen Hindernissen gilt das gleiche.

Eine sehr gute Lektion zum Geschicklichmachen der Pferde ist auch das Üben von kleinen „In and Outs“ (rein und raus). Zwei Barrieren, nicht höher als 75 cm fest, werden zu diesem Zwecke im Abstand von etwa 4,50 m aufgebaut. Die Anzahl der „In- and Out-Barrieren“ kann man später auch bis auf 8 erhöhen, dann aber nicht höher als 40-50 cm.

Steilsprünge fallen den meisten Pferden recht schwer. Man erleichtere dabei anfangs dem Pferde das Finden des richtigen Absprungs durch Vorlegen von Grünzeug bzw. Stangen und nehme diese dann fort, wenn es ganz sicher geworden ist.

Wall-Auf- und Tiefsprünge erfordern eine besondere Schulung, da das Pferd dabei teils springen, teils klettern muss. Die meisten Reiter werden, da dies größere Erdbewegungen erfordert, nur schwer solche Hindernisse anlegen können. Ihnen empfehle ich, solche im Gelände aufzusuchen und gesondert zu üben. Natürlich ebenfalls mit dem Kleinsten und Einfachsten beginnend, um dann später die Anforderungen zu steigern.

Gräben: Auch diese fehlen oft auf den Übungsplätzen. Am leichtesten lässt sich noch ein trockener Graben, vor dem die Pferde oft eine kaum zu erklärende Scheu zeigen, herstellen. Diesen legt man am besten in Breiten von 1,20 m und 3 m nebeneinanderliegend an. Einmal mit schrägen und einmal mit senkrechten Wänden; letztere mit Balken abstützen! 50 cm Tiefe genügen.

Wassergräben legt man genau so an, grundsätzlich aber mit schrägen Wänden. Ist dies nicht möglich, suche man solche Gräben im Gelände auf, wobei darauf zu achten ist, dass nur Gräben mit guten Absprung- und Landestellen benutzt werden, da anderenfalls die Pferde schnell das Vertrauen zu dieser Art von Hindernissen verlieren.

Oxer: Anfangs vordere obere Stange nicht höher als 50 cm, Breite nicht über 1 m. Absprungstange auf den Boden davor legen! Einladend und voll (mit Grünzeug) herrichten.

Mauern aus Feld- und Ziegelsteinen sind so zu bauen, dass die Bodenbreite etwa 1 m, die obere Breite etwa 60-70 cm beträgt. Fest würde ich sie nicht viel höher als 80 cm machen und die später notwendigen Erhöhungen mit festen, massiven Holzkästen vornehmen. Die oberen Kanten des gemauerten Teils leicht abrunden, damit sich die Pferde nicht so leicht verletzen!

Ich will an dieser Stelle nicht alle Arten der vorkommenden Hindernisse aufzählen und auch nicht beschreiben, wie sie am praktischsten und besten gebaut werden. Zu diesem Zweck empfehle ich, die sehr guten Bücher von Herrn Andrae und Herrn Becher darüber zu studieren.

Sehr wenige Reiter allerdings werden in der glücklichen Lage sein, sich sämtliche Sorten von Sprüngen zuhause anlegen zu können. Auf Turnieren wird man immer wieder völlig neue Dinge springen müssen. Deshalb erwähne ich nur die mir am wichtigsten erscheinenden.

Hat man sein Pferd in der oben skizzierten Weise zuhause gewissenhaft geschult, werden in den meisten Fällen diese neuen Sprünge dem Pferd keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten. Einige Turniere werden dem Pferde in dieser Hinsicht die nötige Routine verleihen. Diese spielt natürlich eine große Rolle und ist durch nichts anderes zu ersetzen.

Warnen möchte ich besonders alle weniger erfahrenen Reiter, mit ihren noch unfertigen Pferden, vor dem Überjagen der Pferde auf diesen ersten Turnierunternehmungen. Sie sollen dort in erster Linie Vertrauen zu ihrem Beruf fassen lernen und möglichst gute Erfahrungen und Eindrücke sammeln.

Das Gegenteil aber wird man mit zu schnellem Reiten erreichen. Das Pferd kann in dieser großen Fahrt einfach nicht mehr richtig taxieren und einteilen. Es wird Angst vor seiner eigenen Schnelligkeit bekommen, dadurch vor den Sprüngen kürzer werden (der in jedem Fall anzustrebende Fluss der Bewegung wird damit unterbrochen). Es wird leicht schwere Fehler (sogen. Volltreffer) machen, sich dabei oft sehr weh tun, dadurch heftig und am Ende „sauer“ werden, was alles durch ruhiges, überlegtes und besonnenes Reiten im ruhigen Galopp vermieden werden kann.

 

Arbeitsgalopp eines Springpferdes

Reiter im Enlastungssitz (kein Springsitz!). Pferd in Selbsthaltung (Gebrauchshaltung) „am Zügel, am Schenkel, am Kreuz“, also – trotz des den Rücken entlastenden Sitzes –  absolut an den Hilfen! Reiter: v. Jena; Pferd: 8 jähr. Hann. Stute „Perhaps“.

Jeder Reiter sollte sich darüber im Klaren sein, dass meist die flüssigen, dem Auge gar nicht so schnell erscheinen­den Parcours, am Ende doch die schnelleren sind, als die überhetzten. Vor allem sind die ersteren auch erheblich ungefährlicher für den Reiter und fördern das Pferd in seiner Ausbildung, während die letzteren das Gegenteil be­wirken. Wie schon oben erwähnt werden die Pferde bei diesem Gejage oft Angst vor ihrer eigenen „Courage“ bekommen und abstoppen, um den Absprung zu finden. Das kostet meist viel Zeit, verursacht oft Fehler, besonders bei Hochweitsprüngen, und ist durch vermehrtes Jagen zwischen den Sprüngen nicht wieder wettzumachen. Am Ende  – und das erscheint mir als das Wichtigste – erzeugt dieses Überpacen das Gegenteil von dem, was wir wollen, nämlich die Harmonie zwischen Reiter und Pferd, die Grundlage für alles weitere.

Deswegen möchte ich allen Springreitern, besonders den jüngeren, sehr ans Herz legen:

Lasst Euch etwas mehr Zeit mit Euren gut veranlagten jungen Springpferden und stellt sie nicht im 1. oder 2. Jahr in den leichten Sprüngen auf den Kopf!

Gebt ihnen eine solide Grundlage im oben beschriebenen Sinne und reitet nach dem gleichen Schema in den Springkonkurrenzen!

Lasst die braven Springpferde sich finden und so in die schweren Aufgaben hineinwachsen!

Sie werden es Euch in späteren Jahren durch Zuverlässigkeit, Sicherheit, Springfreudigkeit und lange Lebensdauer danken. Und wenn Ihr weiter in der Zwischenzeit eine sinnvolle „Zweck-Dressur zum Springen“ mit diesen Pferden betreibt, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Von dieser Zweckdressur soll in einem nächsten Aufsatz noch besonders die Rede sein.

  

Dieser Aufsatz Burchard von Jena’s
wurde in Der Schweizer Kavallerist
41. Jg., Heft Nr. 7 / 8, vom 15.4.1951
veröffentlicht.

 

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