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Der Springsitz
von Burchard von Jena
Die Grundlage für eine zweckmäßige Springausbildung von Reiter und Pferd ist das Erlernen des – vom Dressursitz völlig abweichenden – Springsitzes, auch „Vorwärts-Sitz“ oder „Leichter Sitz“ genannt. Dieser Sitz muss durch zweckentsprechende Übungen – als da sind Traben und Galoppieren auf flacher Bahn, Reiten über Cavaletti, im Gelände bergauf und bergab – genau so fleißig wie der Schulsitz systematisch geübt und gefestigt werden, ehe man überhaupt daran denken kann, künstlich aufgestellte Hindernisse zu springen.
Dass eine gymnastisch-mechanische Zweckdressur eine große Hilfe bei dieser Arbeit bedeutet, ist eine alte Weisheit und braucht nicht besonders betont zu werden.
Was aber soll man mit dem „größeren Teil“ der Reiter, die aus Mangel an Feingefühl niemals ein „Zusammenwirken der Hilfen“ erlernen werden, anfangen? Wie sie zu einer brauchbaren Technik beim Reiten über Hindernisse befähigen?
Welcher praktischen Mittel man sich bedient, um dieser Kategorie von „trotzdem über die Sprünge reiten Wollenden“ zum Erfolg zu verhelfen, soll im Folgenden aufgezeigt werden, und ich denke, das sei für die Masse der weniger begabten Springreiter von größtem Interesse.
Um bei dem Wichtigsten zu beginnen: Die Achse, um die sich im Springsitz alles dreht, sind die, bei 3-5 Loch kürzerem Bügel, tiefgedrückten Knie. Sie in erster Linie, im Verein mit dem gut nach vorn ausgetretenen, bis zum Absatz in den Bügel geschobenen Fuße, haben die Aufgabe, die Körperlast zu stützen und alle Stöße abzufangen. Der Absatz soll der tiefste Punkt des Reiterkörpers sein.
Der ideale Springsitz
An diesem Bilde wird auch der strengste Kritiker nichts auszusetzen finden – jedenfalls nichts in bezug auf den Sitz. Alles an ihm ist nahezu vollendet. Tiefe, in Richtung auf das Pferdemaul nachgebende, geschlossene Hand, Peitsche am Ende, Zügel, leicht anstehend, in der richtigen Länge angefaßt. Ellbogen, Hand, Pferdemaul eine gerade Linie.. Wirbelsäule des Reiters fast parallel mit der des Pferdes. Blick des Reiters nach vorn gerichtet. Knie- und Schenkellage vorbildlich, ebenso der bis zum Spann in den Bügel geschobene Fuß. Die Manier des Pferdes (der Ire „Sphir“ unter Kav. Hauptmann Ilg) ebenfalls vollendet. Weit vorgestreckte Nase, langer, aus dem Widerrist fallen-der Hals, gespitzte Ohren und gut aufgewölbter Rücken. Lediglich die Vorderbeine könnten etwas mehr angewinkelt sein.
Das ist der „Leichte Sitz“ par excellence, so wie er auch s. Zt. im Springstall der deutschen Kavallerieschule festgelegt und gelehrt wurde. (Man vergleiche den Aufsatz Herbert Fricks, des besten deutschen Berufs-Springreiters der Vorkriegszeit über dieses Thema im Märzheft 1950 des „St. Georg“!)
Der unter dem Knöchel liegende dumpfe Sporn liegt grundsätzlich am Pferdeleib und ist im Verein mit dem Wadenmuskel der „Motor“. Dabei ist das „auf den Schenkel Empfindlichmachen“ von allergrößter Bedeutung. Nur auf einem schenkelempfindlichen Pferde kann der Reiter den vorschriftsmäßigen Springsitz mit dem leicht gelüfteten Gesäß einnehmen und richtig – nämlich mit dem Unterschenkel und dem Sporn – treibend einwirken. Auf einem so geschulten Pferde genügt ein mehr oder weniger leichter Druck mit dem Schenkel und Sporn, um es zum „Anziehen“ zu veranlassen. Dann ist auch in den meisten Fällen ein Im-Sattel-Platznehmen nicht erforderlich. Erst wenn das Pferd so auf den Schenkel ganz fein abgestimmt ist, verfügt der Reiter über die Reserven, die er oft vor dem Sprunge notwendig braucht. Besonders dann, wenn es nicht zu passen scheint. Dann wird und soll das Pferd zulegen, früh abdrücken (was immer besser ist, als das dichte Heranlaufen an den Sprung) und durch den ungehemmten Schwung wird es in den meisten Fällen auch Weit- und Hochweitsprünge überwinden.
Bester „italienischer Stil“ ‘Volle Harmonie zwischen Reiter und Pferd. Auch dieses Bild wird der schärfsten Kritik, was Reiter- und Pferdehaltung betrifft, standhalten (wer will kann die bei diesem Reiter typischen offenen Finger beanstanden). Commandant Vicomte D’Avouts (franz. Mission/Allemagne) 6jähr. Rapp-Wallach „Quel Jupiter“ (Anglo-Araber) unter dem deutschen Springreiter Burchard von Jena.
Wie aber macht man sein Pferd auf den Schenkel empfindlich? Meines Erachtens am besten durch das Reiten auf dem Viereck mit der langen Gerte, und zwar in der Weise, dass man grundsätzlich zunächst durch mehr oder weniger leichtes Touchieren mit der Gerte, im Verein mit dem leichten Schenkeldruck, das Pferd antreibt. Daher soll man beim Arbeiten das Zulegen und wieder Verkürzen des Tempos üben. Dann reagiert später das Pferd auch im Springsitz, ohne die lange Gerte, auf den vermehrten Druck des Schenkels bzw. des Sporns.
Das Gesäß ist ganz leicht gelüftet (1-2 cm Zwischenraum zwischen Gesäß und Sitz). So sitzend, oder besser gesagt tief im Pferd kniend [richtiger: in das Pferd geduckt], ist der Reiter jederzeit in der Lage – wenn einmal Schenkel, Sporn und Gerte [gemeint ist sicher Springstöckchen] nicht ausreichen sollten – die treibenden Hilfen mit dem Gesäß zu verstärken.
Ein einwandfreier Springsitz und Führung im Sprung. Hervorragende Bascule des 7jähr. hann. Fuchs-Wallachs „Marius“ unter Herrn von Jena (Bes. Britische Rheinarmee in Deutschland).
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Wir unterscheiden...
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1. den „gestreckten Sitz“ (Dressur-Sitz)
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2. den „Remonte-Sitz“
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3./4. den Entlastungs-Sitz (beim Galoppieren auf längeren, ebenen und welligen Strecken im Gelände und beim Leichtraben – dieser Entlastungssitz ist ein Mittelding zwischen dem gestreckten und dem Springsitz mit den „tiefen Schultern“ –
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5. den Springsitz Phase 2
Haltung von Pferd und Reiter korrekt
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6. den Springsitz Phase 1
Pferd könnte seinen an sich kurzen Hals noch mehr aus dem Widerrist fallen lassen
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1-6: 5jähr. hann. Fuchs-Wallach „Fantasio“ (Vater „Denksport“von Detektiv, Mutter Mischblut unbekannter Abstammung. Besitzer Dir. M. Buhofer, Lenzburg, der den Wallach aus dem Stall Hellmann 1950 durch Herrn von Gunten erwarb. „Fantasio“ gewann unter Lt. Buhofer bei seinem ersten Start in der Schweiz das L-Springen in Lenzburg im August 1950
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Diese Gesäßhilfe soll aber grundsätzlich nur im äußersten Notfalle, als allerletztes Mittel angewandt werden. Meist wird mit dem starken (auf den Nichtfachmann imponierend wirkenden) In-den-Sattel-Hineinsetzen weit mehr Schaden angerichtet, als man gemeinhin annimmt. In den meisten Fällen – davon kann sich jeder objektive Beobachter selbst überzeugen – wird besonders das weichrückige Pferd mehr irritiert und in seiner Rückentätigkeit behindert, als ihm damit geholfen wird. Es wird oft durch Springen mit weggedrücktem Rücken und dichtem Herumlaufen auf diese Art Hilfe reagieren.
Daher betrachte man prinzipiell beim Über-Sprünge-Reiten den Pferderücken als ein Teil „Noli me tangere“, auf deutsch: „Wolle mich nicht berühren“! Immer muss man sich darüber klar sein, dass der Rücken nur dann über seine volle Bewegungsfreiheit verfügen kann, wenn er weitgehend entlastet ist.
Der Oberkörper des Reiters soll in allen Phasen des Anreitens, Springens und Weiterreitens parallel zum Pferderücken gehalten werden. Dies geschieht in der Weise, dass der Reiter im Hüftgelenk einknickt (mit einem zusammenklappbaren Taschenmesser vergleichbar) und die Tendenz hat, mit seiner Brustwarze seinen Oberschenkel zu berühren bzw. versucht, seine Schultern in unmittelbare Nähe des Mähnenkammes zu bringen.
Sein Rücken soll dabei möglichst wenig gekrümmt werden, was zwar kein schwerer Fehler ist, aber zumindest unschön aussieht. Besser und schöner ist die Neigung zum hohlen Kreuz. Am besten und schnellsten verstanden meine Schüler, junge und alte, immer Zurufe wie: „Machen Sie sich ganz klein!“ – „Kriechen Sie wie ein Indianer in Ihr Pferd hinein!“ – Nehmen Sie an, Sie ritten durch einen Kugelregen und wollten eine möglichst kleine Angriffsfläche bieten, um nicht getroffen zu werden!“
Die Hände stützen sich – bedingt durch die tiefgenommene Schulter – nicht am Hals auf, sondern liegen ganz tief am Pferdehalse und sind – nachdem der oben skizzierte Sitz gefestigt und unabhängig von der Hand geworden ist – jederzeit imstande, in Richtung Unterhals nachzugeben. Eine sehr gute Methode – wie sie z. B. einer der erfolgreichsten Spring-Professionals, Gustav Lange, bei seinen Schülern anwendet – um diese Handbewegung in die Reiter hineinzubringen, ist übrigens das oft Unter-den-Hals-fassen-Lassen der Schüler, zunächst auf flacher Bahn, später beim Klettern, beim Reiten über Cavaletti und am Ende beim Springen über natürliche und künstliche Hindernisse.
Vorzüglicher „italienischer Stil“ Hervorragend guter Sitz, sehr gute Schenkel- und Knielage, Wirbelsäule des Reiters parallel mit der des Pferdes. Leichte Führung. Ellbogen-Hand-Pferdemaul bilden – so wie es sein soll – eine gerade Linie. Pferd: „Nosika“, 12jähr. franz. Stute. Reiter: Oblt. F. Stutz, Lenzburg.
In der Perfektion, d. h. in der Vollendung, soll die Faust ständig geschlossen und in allen Phasen eine gummiartige Verbindung zum Pferdemaul erhalten bleiben. Da dies aber – nach meinen Erfahrungen – nur bei der Minderzahl der Reiter jemals zu erreichen ist, halte ich es für besser, wenn sich die Hand im Sprunge manchmal öffnet. Auf jeden Fall dürfte dies angebrachter sein, als das – statt der „Gummiverbindung“ – Zentnerlasten auf die Laden des Pferdes drücken. Die Nachteile dieses Öffnens der Fäuste liegen klar auf der Hand: Durchgleitenlassen der Zügel, unruhige Bewegungen, um sie wieder nachzufassen, die das Pferd irritieren und seine Konzentration auf das nächste Hindernis beeinträchtigen. Die möglichst leichte Zügelanlehnung behält man nur dann bis an bzw. über den Sprung bei, wenn ein Pferd schon von weitem Anstalten zum Wegbrechen macht. In allen Fällen gibt man sie – nachdem das Pferd gerade auf die Mitte des Hindernisses eingestellt ist – 10 bis 15 m vor dem Sprung langsam so weit auf, dass das Pferd das Gefühl der vollkommenen Halsfreiheit hat. Man muss dem Pferd dann das Einteilen seiner Galoppsprünge selbst überlassen und kann selbst nichts anderes tun, als durch verstärktes Treiben mit Schenkel bzw. Gerte – und wenn auch das nicht ausreichen sollte – durch Platznehmen mit dem Gesäß (bei tiefen Schultern) das Pferd zu möglichst frühem Absprung zu veranlassen. Immer ist das frühe Abspringen dem dichten Heranlaufen vorzuziehen. Im ersteren Falle wird der – grundsätzlich anzustrebende – Fluss der Bewegung erhalten, im letzteren unterbrochen, was in jedem Falle falsch ist.
Vollendete Technik des Pferdes Vorbildliches „In-die-Bewegung-Eingehen“ des Reiters
Dass diese Reittechnik, die jeder Reiter bei einigem Fleiß erlernen kann, besonders für Sprünge gröbsten Kalibers geeignet ist, zeigt diese Leica-Aufnahme. Pferd: „Perhaps“, 8jähr. Hann. Stute im Besitze der Britischen Rheinarmee in Deutschland; Reiter: Burchard von Jena.
Nach dem Sprunge stelle man die Verbindung zum Pferdemaule langsam wieder so weit her, dass man in der Lage ist, das Pferd auf den nächsten Sprung zu dirigieren.
Besitzt der Reiter so viel Feingefühl, dass er, ohne das Pferd zu behindern und im Halse einzuengen, ihm (in allen Phasen des Anreitens, Springens und Weiterreitens) „am Maule“ bleiben kann, ist das schlechthin ideal zu nennen und in jeder Weise gutzuheißen. Leider ist dieses feine Empfinden nur sehr selten anzutreffen. Daher fahren die meisten Reiter am besten, wenn sie rechtzeitig vor dem Sprunge den verhältnismäßig kurzen Zügel etwas durchhängen lassen. Dazu gehört nämlich fast kein Gefühl, sondern nur Willenskraft und ein gefestigter, von der Hand unabhängiger „leichter Sitz“.
Die Peitsche [gemeint ist das Springstöckchen mit breiter, beim Einsatz ein klatschendes Geräusch produzierender Leder-Schlaufe] wird ganz am Ende angefasst (anderenfalls stößt man sich leicht das Ende ins Gesicht) und liegt für gewöhnlich an der Pferdeschulter und tritt auch dort als verstärktes Antriebsmittel in Aktion.
Die Zügel kann und soll man in diesem Sitz verhältnismäßig kurz fassen, da man alles, was man zum Nachgeben braucht, wenn sich Pferdekopf und –hals vorwärts-abwärts strecken, aus den Schultergelenken und den Armen heraus tun kann.
Im Gegensatz zu dem zu lang gefassten Zügel bietet sich dem Reiter so der große Vorteil, dass er beim Landen, in den Wendungen und vor und nach den Hindernissen sein Pferd sofort wieder am Zügel hat.
Wie der Reiter seinen Kopf hält, ist bei einzelnen Sprüngen von sekundärer Bedeutung. Bei mehreren aufeinanderfolgenden Hindernissen empfiehlt es sich, eine Haltung einzunehmen, die den Blick nach vorwärts gestattet.
Diesen „Leichten Sitz“, der in der Tat ein ganz anderer ist als der für gewöhnlich gelehrte militärisch-gestreckte, kann nach meinen Erfahrungen auch der ungeschickteste, grobknochige, muskelbepackte Reiter bei einigem Fleiß erlernen. Es ist – wie sich auf der ganzen Welt erwiesen hat – völlig abwegig und irrig, wenn manche Menschen meinen, dass diese Technik nur Südländer und besonders veranlagte „Gummi-Reiter“ lernen, und dass der gröber und stärker gebaute Nordländer sich dafür nicht eignet.
Natürlich muss sich der letztere etwas mehr plagen; aber im Endeffekt wird er bei konsequentem, fleissigen Üben unter sachkundiger Anleitung genauso gut den störungsfreien Springsitz erlernen und damit den Schlüssel zum Erfolg in den Händen halten.
Der Weg, um diese Technik zu erlernen führt – wie schon oben gesagt – über viel Üben auf flacher Bahn, Cavaletti-Reiten, Auf- und Abklettern und Zweck-Gymnastik zuhause.
Der entscheidende, ausschlaggebende Vorteil dieser einstmals als „italienischer Sitz“ bezeichneten Reitweise (daher stammt nämlich letzten Endes unser aller Wissen auf diesem Gebiet) – allen anderen Techniken gegenüber – besteht darin, dass er den Reiter beim Springen in die Lage versetzt, jederzeit seinen Schwerpunkt mit dem des Pferdes in Einklang zu bringen, auch dann, wenn das Pferd ganz unerwartet früh abdrückt. Es gibt praktisch dann kein Stören mehr – sonst Ursache der meisten „Pleiten“ und Disharmonien zwischen Reiter und Pferd – und die Pferde werden, gleichsam wie mit einem gut sitzenden Rucksack versehen, vertrauensvoll, wie in der Natur ohne Reiter-Belastung, in den meisten Fällen flüssig und fließend, aus dem Galopp heraus, die Hindernisse überwinden.
Auf geeignete Übungen zum Erlernen des Springsitzes und zur Ausbildung von Springpferden, von deren richtiger Schulung der richtige Sitz abhängig ist, werde ich in einem neuen Aufsatz hinweisen.
Dieser Aufsatz Burchard von Jena’s wurde in Der Schweizer Kavallerist 41. Jg., Heft Nr. 3 / 4, vom 15.2.1951 veröffentlicht.
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