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Gravierende Irrtümer in den [FN-] „Richtlinien“
Der zügelunabhängige Balancesitz und die Kunst des Treibens gelten als Grundlagen feinfühligen, pferdgerechten Reitens.
Zwei gravierende Fehlaussagen in dem vom Verlag unserer Spitzenorganisation herausgegebenen Reitlehrbuch Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 (→Lit. 9) gerade zu diesen Hauptthemen jedes sinnvollen Unterrichts führen lernwillige junge Reiterinnen und Reiter in die Irre. Sie verlieren, wenn sie die falschen Informationen ernst nehmen, Zeit, auf „Unterricht“ verschwendetes Geld und die unabdingbare Voraussetzung für eine feinfühlige Kommunikation mit ihrem Pferd.
Die FN bewegt sich in einer seit fast zehn Jahren vom Autor mit ihr geführten Korrespondenz nicht um einen Millimeter. Bleibt somit nur die Möglichkeit, die überfällige Korrektur auf diesem Wege anzuregen:
1.) In den Richtlinien ist zum „Aussitzen der Pferdebewegung insbesondere im Trab und Galopp“ auf Seite 62 sinngemäß gesagt:
Voraussetzung für das elastische Mitschwingen in der Mittelpositur und für einen tiefen, geschmeidigen Sitz sei die natürliche, losgelassene Haltung der Wirbelsäule, die elastische Spannung der Rumpfmuskulatur sowie das richtige Mitgehen des Beckens mit der Pferdebewegung.[So weit, so gut. Aber dann geht es weiter:] Diese Bewegungen des Beckens würden durch ständiges leichtes „An- und Abspannen“ der Rumpfmuskulatur erreicht, auch als „mäßig angespanntes Kreuz“ bezeichnet...
In der Bewegung hebe und senke sich der Pferderücken. In dem Moment, in dem sich der Rücken leicht anhebe, werde beim losgelassen sitzenden Reiter das ‚Kreuz‘ mäßig angespannt. Es würden also die Bauchmuskulatur und die tiefe untere Rückenmuskulatur angespannt, wodurch der untere Beckenrand leicht nach vorne gebracht (gekippt) werde. In der nächsten Bewegungsphase, in der sich der Rücken des Pferdes leicht senke, werde die Muskulatur bzw. das „Kreuz abgespannt“, wodurch sich der untere Beckenrand wieder leicht nach hinten bewege. Der Reiter vollführe also kaum sichtbare Schwingungen mit dem Becken bzw. in der Mittelpositur, um so mit dem Gesäß im Sattel „kleben“ zu können.
Dem ist eine Skizze beigegeben, die darstellt, wie der Reiter das Becken nach Auffassung der FN-Autoren mittels Muskelarbeit um die Hüftgelenke vor und zurückkippen soll.
Eine Darstellung der Bewegungen des Pferderückens und des Pferderumpfes, die diese Aussagen stützen könnte, fehlt in den Richtlinien.
Richtig ist dagegen:
Der Autor hat die Bewegungen des Pferderückens und des Pferderumpfes in den drei Grundgangarten aus den Fußfolgen ableitet und per Video verifiziert. Die Ergebnisse wurden in seinem Aufsatz „Die Bewegungen von Pferderumpf und –rücken aus der Sicht des Reiters“ in der Tierärztlichen Umschau 6/2004 veröffentlicht (→ Lit. 5). Diese Arbeit liegt der FN vor. (Seit Jahren plädiert der Autor für universitäre Forschung mit dem Ziel, zu gemessenen Werten der genannten Bewegungen zu gelangen. Weshalb hat die FN dieses Anliegen nicht unterstützt?) Nichts in den vorliegenden Ergebnissen lässt jedenfalls den Schluß zu, daß die oben zitierten (in den Stallgassen landauf, landab als „FN-Ehestands-Bewegung“ belächelten) Empfehlungen der [FN-] Richtlinien-Autoren zum „Am-Sattel-Kleben“ nützlich wären. Im Gegenteil: Zweifellos verhindern sie das Am-Sattel-Bleiben des Reiters und nehmen ihm die Möglichkeit, die Bewegungen der Hinterbeine des Pferdes zu erfassen. Denn:
Da sich der Rücken des Pferdes im Schritt und im Galopp abwechselnd mal vorn, mal hinten hebt, würde der Oberkörper der Reiterin, wie in dieser Abbildung gezeigt, mal nach hinten, mal nach vorn kippen, würden ihre Beine mal nach vorn, mal nach hinten verrutschen. Diese Auslenkungen (blau/rot) balanciert die geübte Reiterin mit Oberkörper und Beinen unbewußt gegensteuernd aus (während ihr Beckenring gleichzeitig allen Bewegungen in und quer zur Fortbewegungsrichtung folgt).
Im Trab gibt es dieses gegenläufige widerrist- und kruppenseitige Auf und Ab nicht, wohl aber ein gegenläufiges Auf und Ab der rechten und der linken Pferderückenseite. Letzteres spielt – wie wir später noch sehen werden – in allen drei Grundgangarten eine ganz wesentliche Rollefür Sitz und Einwirkung.
Dem seitlichen Auf und Ab des Pferderückens muß der Reiter mit dem Beckenring folgen, weil er anderenfalls nie geschmeidig in die Pferdebewegungen eingehen kann und niemals die Bewegungen der Hinterbeine des Pferdes fühlt, also niemals sinnvoll (d. h. im allein richtigen Moment und nur bei Bedarf) treiben lernt.
2.) In den Richtlinien steht auf Seite 74 sinngemäß:
Bei weich am Pferdeleib anliegenden Unterschenkeln komme die Einwirkung bereits dadurch zustande, daß der Rumpf des Pferdes sich im Rhythmus des Bewegungsablaufes wechselweise vermehrt nach rechts oder links wölbe. Dadurch werde das Gewicht des anliegenden Unterschenkels zur Seite geschoben, wodurch ein gewisser Druck auf die Seiten des Pferdes erzeugt werde. Das Pferd hole sich also bei jedem Schritt oder Tritt eine Einwirkung des stetig anliegenden Schenkels und treibe sich dadurch gleichsam selbst, ohne daß der Reiter aktive Muskelarbeit leiste.
Richtig ist dagegen:
Der Rumpf des Pferdes schwingt in den drei Grundgangarten zwecks Gewichtsausgleichs zur Seite des jeweils stützenden Hinterbeins. In dieser Abbildung stützt erst das linke, dann das rechte Hinterbein. Der Schenkel des „richtig“ sitzenden Reiters fällt daher „selbsttätig“ an den wegschwingenden Pferderumpf, in dieser Abbildung also erst sein rechter, dann sein linker Schenkel.
Aus von Bürger und Zietzschmann (→Lit. 2) dargelegten Gründen kann das Pferd auch nur in diesem Augenblick von einer Schenkeleinwirkung unmittelbar Gebrauch machen.
Der Schenkel sollte aber nicht ständig ans Pferd fallen, denn dann macht er das Pferd „schenkeltot“. Der Reiter kann das selbsttätige Ans-Pferd-Fallen seines Schenkels „ein- und ausstellen“: Er „schaltet“ das treibende Ans-Pferd-Fallen dieses Schenkels „aus“, indem er seine Ferse im gleichen Augenblick leicht nach unten federn läßt, er „schaltet“ das Ans-Pferd-Fallen seines Schenkels „an“ und treibt, indem er die Fußspitze zusätzlich leicht nach außen wendet. Das begreift jedes kleine Kind, wenn man es ihm einmal zeigt.
Vorangegangen war diesen beiden Fehlaussagen eine andere bedauerliche Tatsache: In denRichtlinienwurde der Begriff „Kreuzanspannen“ auf Seite 53 in einer Fußnote halbherzig, aber „literarisch anspruchsvoll“ relativiert. Weshalb war das erforderlich?
Der Begriff „Kreuzanspannen“ war in der (Heeres-) Reitvorschrift(→ Lit. 1) zu Großvaters Zeiten nicht so irreführend. Bei „Kreuz“ dachte niemand ans Kreuzbein. Man lud sich einen Sack Hafer „aufs Kreuz“ (nämlich in der Höhe des Schultergürtels auf den Rücken), um ihn zur Futterkiste zu schleppen. Und wenn man sagte, jemand habe „ein breites Kreuz“ meinte man den oberen Bereich seines Oberkörpers, aber nicht, daß der Betreffende ein dickes Gesäß habe.
Müseler hat uns in den 30er Jahren in seiner Reitlehre(→ Lit. 10) jene Skizzen beschert, die eine totale Fehlinterpretation des Begriffs „Kreuzanspannen“ darstellen.
Die Dres. Schusdziarra, Vater & Sohn, (→ Lit. 11) haben die Aussagen Müselers durch Erläuterung des nach menschlicher Anatomie Möglichen löblicherweise korrigiert, damit aber leider zugleich auch zementiert.
Die FN hat diese Korrekturen in ihren Richtlinien aufgegriffen. Da eine entschiedene, klare Abkehr von den Müseler’schen Fehlinterpretationen seitens der FN aber nie erfolgte, stehen in deutschen Reitbahnen landauf, landab bemühte Ausbilderinnen und Ausbilder, erteilen Gruppenunterricht und geben ihr Bestes. „Schön tief einsitzen!“ rufen sie ihren Schülern zu, demonstrieren Oberkörper zurücklehnen, „Kreuzanspannen“ und Gesäß vorstemmen, wie in nachstehender Skizze (siehe Foto auf dem Titelbild des PM-Forums vom Juli 2003 und das Titelbild der dem „Pferdemagazin für Reiter“ St. Georg vom Sept. 2004 beigebundenen reiten & fahren-Ausgabe, dem offiziellen (heute nicht mehr selbständigen) Organ des Deutschen Reiter- und Fahrer-Verbandes).
Richtig ist dagegen:
Jeder beckennahe Krafteinsatz des Reiters ist falsch!
Die FN sollte zum Lehren des Balancesitzes zurückkehren, sollte mit Sally Swift (→ Lit. 12)das „Nach-oben-und-unten-Wachsen“ und das Sich-selbst-Zentrieren empfehlen!
Und den Reitern schlicht, einfach und nachdrücklich sagen, wo „das Kreuz“ nicht ist.
Schlussbemerkung:
Mehr soll unseren jungen Reitern hier nicht zugemutet werden. (Aber dies dürfen Sie gern mehrmals lesen!)
Ausbilder mögen Einzelheiten und das Weshalb, Warum und Wieso bitte dem Sachbuch (→ Lit. 3), späteren Veröffentlichungen des Autors in der Tierärztlichen Umschau(→ Lit. 4-7) und dem Aufsatz „Pferdgerechte Hilfen und der Zeitgeber dafür“ in der Piaffe 1/2007 (→ Lit. 8) entnehmen.
Wer nicht lernt, die Schenkeleinwirkung in dem Moment zu geben, in dem das Pferd sie sich selbst abholt, (oder sie zu unterlassen, wenn es dieser Einwirkung gegenwärtig nicht bedarf) kommt nie zu feiner, pferdgerechter Hilfengebung, wird nie ein wirklich „guter Reiter“. Wenn wir an der Basis schon nicht genügend Reitlehrer und Lehrpferde haben, dürfen wir Lernwilligen zumindest nicht den Weg zum Selbstunterricht versperren, indem wir in Reitlehren die Fakten auf den Kopf stellen. Das aus Unwissenheit zu tun und sich zehn Jahre lang standhaft zu weigern, es zu korrigieren, weil dann ja eine Neufassung geplant sei, ist schlicht und einfach ein Skandal.
Ererbtes Wissen wird brüchig, wenn es dogmatisch gelehrt, aber nicht-hinterfragt wird. Nur durch Forschung kann es lebendig erhalten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Solche Forschungsprojekte zur Reitlehre anzuregen und zu unterstützen sollte eine der wichtigsten Aufgaben unserer Spitzenorganisation sein.
Eberhard Hübener
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Literatur
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1.
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anonym: (Heeres-) Reitvorschrift D.V.E. Nr. 12; Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1912 – S. 62, 73, 77-78, 152, 157, 174
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2.
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Bürger, Udo und Zietzschmann, Otto: Der Reiter formt das Pferd; Reprint der Ausgabe von 1939, FN-Verlag, Warendorf 1987 – S. 33-35
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3.
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Hübener, Eberhard: Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel (1999); 2. Auflage, hier mit beigebundenem Wie soll der Reiter sitzen – und weshalb? Olms Presse, Hildesheim und New York 2002 – S. 62-63 und Anlage S. 19, 21, 26-27
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4.
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ders.: Fortschritt des Wissens zu Grundsitz und Schenkelhilfen, 12/2003, Web Site www.reiten-lesen-denken.de
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5.
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ders.: Die Bewegungen von Pferderumpf und –rücken aus der Sicht des Reiters; Tierärztliche Umschau, 6/2004, S. 327-334
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6.
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ders.: Wie sich der pferdgerechte „selbsttätige Schenkel“ besser vermitteln ließe; Tierärztliche Umschau, 8/2004, S. 403-406
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7.
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ders.: Einwirkungen des Reiters nach Zeitgeber – Beispiel: Hilfen für Übergänge von einer Gangart in eine andere; Tierärztliche Umschau, 10/2006, S. 515-532
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8.
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ders.: Pferdgerechte Hilfen und der Zeitgeber dafür; Piaffe 1/2007
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9.
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Miesner, Susanne, Putz, Michael und Plewa, Martin: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1; 27. Auflage, FNverlag, Warendorf 2000 – S. 62-63, 74-75
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10.
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Müseler, Wilhelm: Reitlehre; (Erstauflage 1933) 16. Auflage, Paul Parey, Berlin ohne Jahresangabe (aber vor 1945) – S. 23-27
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11.
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Schusdziarra, Heinrich & Volker: Gymnasium des Reiters, Paul Parey, Berlin und Hamburg 1978
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12.
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Swift, Sally: Reiten aus der Körpermitte (Centered Riding); Albert Müller Verlag, Rüschlikon 1985 – S. 73-74, 106
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Die Erstfassung dieses Aufsatzes wurde den vier überregionalen deutschen Reitzeitschriften zusammen mit einem Exemplar der Tierärztlichen Umschau Nr. 10/2006 (→ Lit. 7) mit Schreiben vom 10.1.2007 unter dem Betreff Wissenschaft und gemeinsame Verantwortung der Reitersleute übermittelt – „Einfach nur zum Drüber-Nachdenken“ (denn Wissenschaft verkauft sich ja so schlecht!).
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Stand: 21.08.08
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