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Die Genealogie eines Irrtums ...
... bei den Überlegungen zum Zustandekommen und zum richtigen Moment der quasi selbsttätigen, wechselseitigen Schenkelhilfe
Es ist inzwischen gelungen, die Bewegungen des Pferderückens und des Pferderumpfes in der Fortbewegung, die als Zeitgeber und mechanische Unterstützung korrekter Schenkelhilfen wirksam sind, aus den Grundgangarten abzuleiten und diese Erkenntnisse mit Hilfe der Video-Technik zu verifizieren.
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Es ist unzweifelhaft so, daß der Schenkel eines locker und unverkrampft gut sitzenden Reiters im Schritt, Trab und Galopp und in Piaffe und Passage jeweils an den wegschwingenden Pferderumpf fällt. Dies geschieht in dem Augenblick, in dem das gleichseitige Hinterbein vorschwingt,während das andere Hinterbein mit senkrechter Röhre stützt. Das Pferd hat dazu Gewicht auf das stützende Hinterbein verlagern müssen, indem sein Rumpf zu dessen Seite geschwungen ist.
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Und dieses Wegschwingen des Rumpfes (Drehpunkt etwa Wirbelsäule) von der Seite des vorschwingenden Hinterbeins hat zur Folge, daß der Pferderücken hier sinkt, zumal er auf der gegenüberliegenden Stützbeinseite gleichzeitig angehoben wird (Standbein-Spielbein-Kontrapost der Alten Griechen).
In der zeichnerischen Darstellung Abb. 1 dürfte das eigentlich jedem denkenden und im Sattel fühlenden Reiter sofort total selbstverständlich scheinen.
Gleichwohl geistert seit über hundert Jahren durch die Reitlehren eine Theorie zum Erfühlen des richtigen Augenblicks für die Schenkelhilfe, die sich auf Überlegungen zum Zusammenwirken der Rücken- und Rippenmuskeln des Pferdes bei der Fortbewegung stützt, und über das gegenläufige Auf und Ab der rechten und linken Pferderückenseite genau das Gegenteil dessen aussagt, was wir in Video Slow Motion sehen.
Der Autor des vorliegenden Aufsatzes ist weder Anatom noch Biomechaniker. Ob die Muskeln des Pferdes so zusammenspielen, wie es diese Theorie behauptet, kann er nicht beurteilen.
Sicher ist nur, daß die dort dargelegten Aufwölbungen von Pferderumpf und –rücken, so es sie überhaupt und in den angegebenen Augenblicken geben sollte, derart winzig sein müssen, daß sie die aus den Grundgangarten abgeleiteten Bewegungen möglicherweise wie ein My den Zentimeter zu reduzieren vermögen. Sie sind mit anderen Worten praktisch bedeutungslos.
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Nun kann man aber einem Reitschüler nicht sagen, er müsse den richtigen Augenblick für eine Schenkelhilfe erfühlen, nämlich den, in dem das gleichseitige Hinterbein vorschwingt, wenn man ihm gleichzeitig weismacht, in diesem Augenblick bewege sich diese Pferderückenseite nach oben, während sie in Wirklichkeit absinkt.
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Es desavouiert den ganzen reiten lehrenden – und doch sicher auch lesenden, denkenden und im Sattel exakt „fühlenden“ – Berufsreiterstand, wenn er solche Fehlaussagen in den Lehrbüchern unserer Spitzen-Organisation duldet. Zumal diese Organisation doch betont, sich der Förderung eben jenes Breitensports verpflichtet zu fühlen, in dem ein eklatanter, vielbeklagter Ausbildungsnotstand herrscht.
Deshalb wird es höchste Zeit, dieses Thema in einer überregionalen Reitsport-Zeitschrift aufzugreifen. Nicht, um – wen auch immer – bloßzustellen, sondern um unser aller Aufgaben gerecht zu werden. Denn offensichtlich gibt es irgendwo Blockaden, die nur noch über eine öffentliche Diskussion zu überwinden sind.1
Jean Effel trug mit seiner entzückenden „Genealogie der Maus“ im Schmunzel-Bildband Die Erschaffung der Welt zum Titel des vorliegenden Aufsatzes bei.
Die in den CHIRON-Mitteilungen vom Januar 2001 entdeckte, besinnliche Erzählung eines unbekannten Autors vom werdenden Schmetterling, der sich wegen eines ihm zur Hilfe geeilten Menschen nicht richtig quälen durfte, allein aus dem Kokon zu schlüpfen, und dem es deshalb nicht gelang, anschließend seine Flügel zu entfalten, stand ebenfalls hier Pate:
Mit anderen Worten: Der Verfasser des vorliegenden Aufsatzes bedankt sich ohne Bitterkeit für die nützlichen Herausforderungen durch hartnäckiges Festhalten am seit 100 Jahren unausrottbaren Irrtum, mangelndes Interesse an den Grundlagen guten Reitens und die erwähnten Blockaden. Diese Herausforderungen zwangen ihn zu immer intensiverem Recherchieren, Denken, im Sattel Fühlen, genau Hinsehen (vor allem in Videos per Slow Motion!) und exakt Beschreiben. –
Und jetzt der Irrtum, um den es geht:
Peter Spohr, Oberst a. D., befaßt sich 1903 mit dem Zusammenwirken der Bauch- und Rippenmuskeln des Pferdes bei der Fortbewegung.2
Für den Schritt heißt es hier: „Zunächst ist klar, daß durch das Vorschwingen des Hinterfußes, während der betreffende Vorderfuß auf seiner Stelle verharrt, der bis dahin zwischen Vorder- und Hinterhuf vorhandene Raum, besonders in seiner unteren, der Bauchlinie, verengt wird. Es müssen sich daher die Rippen und der Bauch des Pferdes zusammenschieben.“ Im Zusammenspiel mit dem geraden Bauchmuskel führe dies dazu, daß sich der Rücken auf der Seite des vorschwingenden Hinterbeins aufwölbe. (Teil 1, S. 48)
Und: „[....] indem das Pferd z. B. den rechten Hinterfuß untersetzt [vorschwingen läßt], hebt es den rechten Gesäßknochen des Reiters leicht empor, was diesen unwillkürlich veranlaßt, den linken Gesäßknochen und linken Bügel mehr zu beschweren.“ (Teil 1, S. 57)
1904 ergänzt Spohr diese Aussagen:
„Da die untersetzende [vorschwingende] Bewegung der Hinterbeine die Rückenmuskeln der betreffenden Seite aufwölbt, so wird auch schon im Schritt das Gesäß des Reiters auf dieser Seite etwas gehoben, während es entsprechend auf der im Strecken befindlichen Seite [des vorwärtsstemmenden Hinterbeins], wo sich der Rücken infolge der zunehmenden Dehnung etwas senkt, tiefer einsinkt.“
„Im Trabe wird das Aufwölben der untersetzenden Seite [des vorschwingenden Hinterbeins], sehr deutlich als Wurf empfunden. Dagegen entgeht auch in dieser Gangart den meisten Reitern, weil sie mit dem ganzen Körper dem Wurfe zu folgen pflegen, das Tieferwerden des Rückens auf der im Strecken, in Dehnung befindlichen Seite [des vorwärtsstemmenden Hinterbeins].“ (Teil 2, S. 20-21)
Daß Spohr mitUntertreten des Hinterbeins, dessen Vorschwingen meint, wie hier in eckigen Klammern jeweils erklärend hinzugefügt, findet man auch an späterer Stelle seines Werkes:
„Wenn die Hinterbeine untertreten, also vorschwingen ...“ heißt es da. (Teil 3, S. 46)
Die [Heeres-] Reitvorschrift übernimmt diese „Logik“ 1912:
„Das Pferd holt sich die Anregungen von den Unterschenkeln [des Reiters] gewissermaßen selbst, weil die in den Augenblicken des Vortretens des Hinterfußes voller werdende Rumpfseite eine stärkere Fühlung mit der Wade nimmt.“ (S. 52)
Selbst der überragende Reitlehr-Experte Hans von Heydebreck, auch ein Berufsoffizier, glaubt Spohr 1928 noch:
„Das Pferd holt sich bei richtigem Sitz des Reiters diese Anregungen von den Unterschenkeln gewissermaßen selbst, indem die beim Vortreten des Hinterfußes voller werdende Rumpfseite stärkere Fühlung mit der Wade nimmt. Diese Augenblicke muß der Reiter gegebenenfalls für seine Einwirkungen durch verstärkten einseitigen Druck ausnutzen.“ (S. 51)
Bei der textlichen Gestaltung der [Heeres-] Reitvorschrift von 1937 war der Irrtum aber offenbar bereits erkannt. Hier heißt es schlicht:
„In der Bewegung wirkt der Schenkel auf den gleichseitigen Hinterfuß nur in dem Augenblick richtig vortreibend ein, wenn dieser vom Boden abstößt.“ (S. 38)
Wie der Reiter das erfühlt und wie die Quasi-Selbsttätigkeit der Schenkelhilfe zustandekommt, ist einfach nicht erklärt.
Udo Bürger, leitender Veterinäroffizier an der Kavallerieschule Hannover und Otto Zietzschmann, Professor der Anatomie an der Tierärztlichen Hochschule dort, sind 1939 offenbar Begründer der wichtigen Erkenntnis vom Gewichtsausgleich (siehe oben!).
Leider irren sie, wo es um Zeitpunkt und Zustandekommen der quasi selbsttätigen Schenkelhilfe geht:
„Der der Schwingung des [Pferde-] Rumpfes folgende Unterschenkel des Reiters fällt in dem Augenblick gegen die seitliche Brustwand, wo die Schwingung anhält und das gleichseitige Hinterbein [auf-] fußt,“ behaupten sie,
und: „Das Pferd holt sich bei jedem Schritt die einseitige Hilfe von selbst am Schenkel bzw. am anliegenden Sporn, denn in dem Augenblick des [Auf-] Fußens muß – wie oben erklärt – der Schenkeldruck auf dieser Seite stärker wirken, weil die seitwärts schwingende Bewegung aufhört und die Brustwand nun dem Schenkel entgegenkommt.“ (S. 34-35)
Udo Bürger rückt 1959 allerdings deutlich von dieser „Jugendsünde“ ab, nachdem ihm auch Waldemar Seunigs Werke von 1941 und 1956 vorgelegen haben dürften.
Die Humanmediziner Heinrich und Volker Schusdziarra wissen 1978 ebenfalls besser, wie die Schenkelhilfe zustandekommt.
Eugen Abel, in den 30er Jahren Leiter der Fachschule für Reit- und Fahrwesen in Berlin Pichelsberg und der Vorbereitungslehrgänge für die staatliche Reitlehrerprüfung, ficht das alles 1983 aber keineswegs an:
„Die von den Hinterbeinen ausgehenden Bewegungen der Bauchmuskeln fühlt der Reiter zunächst mit seinen Unterschenkeln. Das Pferd wölbt sich auf der Seite des vortretenden Hinterfußes (Beugeseite) mehr auf; hierdurch kommt die Wade in stärkere Fühlung mit dem Pferdeleib und kann nun, bei gleichbleibendem Anlegen, der Muskelbewegung folgen oder, die Anlehnung zum Druck verstärkend, eine vortreibende Hilfe geben, die sich das Pferd gewissermaßen selbst holt.
Die Vorwärtsbewegung überträgt sich außerdem auf die Rückenmuskeln des Pferdes, die auf der Beugeseite mehr zusammengezogen (aufgewölbt), auf der Streckseite mehr gedehnt werden. Diese Muskeltätigkeit fühlt der Reiter mit dem Gesäß, das auf der Beugeseite gehoben, auf der Streckseite aber gesenkt wird [....].“
Dazu liefert Abel ein falsches Bild ähnlich Abb. 2 mit der Legende: „Das Pferd wölbt die Rückenmuskeln auf der Seite des vortretenden Hinterfußes (Beugeseite) mehr auf; auf der gegenüberliegenden Streckseite werden die Rückenmuskeln mehr gedehnt.“ (S. 13)
1993 meint der Ex-Europameister im Westernreiten ClausPenquitt ...
... richtig: „[....] wenn das Pferd im Schritt sein Hinterbein angehoben hat und im Begriff ist, mit diesem Bein vorwärtszutreten, muß im gleichen Moment der gleichseitige Schenkel als treibende Hilfe mit entsprechendem Druck angelegt werden.“ (S. 80)
... falsch: „Hebt also ein solches Pferd [mit schwer auszusitzenden Trabbewegungen] ein Hinterbein vom Boden ab, so hebt sich diese Seite des [Pferde-] Körpers so stark an, daß es deutlich zu spüren ist.“ (S. 65)
Die zugehörige Zeichnung – ähnlich Abb. 2 – ist genauso falsch, wie die von Abel, selbst wenn der Reiter hier statt Kappe Stetson trägt.
In einer zweiten Auflage des Penquitt-Werkes soll der Irrtum inzwischen behoben sein.
Susanne Miesner, Michael Putz, Martin Plewa pflegen ihn dagegen 1994 – und im Autoren-Team um Eckart Meyners und Angelika Frömming verstärkt auch im Jahre 2000 – frohgemut weiterhin:
„Bei weich am Pferdeleib anliegenden Unterschenkeln kommt die Einwirkung bereits dadurch zustande, dass der Rumpf des Pferdes sich im Rhythmus des Bewegungsablaufes wechselweise vermehrt nach rechts oder links wölbt. Dadurch wird das Gewicht des anliegenden Unterschenkels zur Seite geschoben, wodurch ein gewisser Druck auf die Seiten des Pferdes erzeugt wird. Das Pferd holt sich also bei jedem Schritt oder Tritt eine Einwirkung des stetig anliegenden Schenkels und treibt sich dadurch gleichsam selbst, ohne dass der Reiter aktive Muskelarbeit leistet.“ (S. 74 bzw. 80)
Auf eine zeichnerische Darstellung hierzu verzichtet das Kollektiv. Singt dafür aber ein Loblied dem „Gefühl“. Das brauche der Reiter unter anderem, um den richtigen Augenblick für eine Schenkelhilfe zu finden. Und dann wörtlich:
„Merke: Das <Gefühl des Reiters> sorgt entscheidend für eine harmonische, vertrauensvolle und wirkungsvolle Verständigung zwischen Reiter und Pferd.“ (S. 90 bzw. 94)
Dem letzten Satz kann man nur beipflichten. Denn im falschen Moment gegebene Einwirkungen mit Schenkel und Sporen führen zu Taktstörungen, und in Piaffe und Passage auch zu hahnentrittartigem Zuckfuß und Schlagen nach dem Sporn.
Solche gravierenden Fehler werden in den TV-Reportagen von Grand Prix Auftritten immer wieder – und auch in Zeitlupe! – vorgeführt und sogar mit olympischen Medaillen belohnt.
Was regen wir uns also auf?
Eberhard Hübener
Literaturverzeichnis
Eugen Abel: Klassische Reitlehre; Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1983 – S. 13
anonym: [Heeres-] Reitvorschrift von 1912; Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1912 – S. 52
anonym: [Heeres-] Reitvorschrift von 1937; E. S. Mittler & Sohn, Berlin 1937 – S. 38
Udo Bürger: Vollendete Reitkunst; Paul Parey, Berlin und Hamburg 1959 – S. 143-144
Udo Bürger, Otto Zietzschmann: Der Reiter formt das Pferd; Nachdruck der Ausgabe von 1939, FN-Verlag, Warendorf 1987 – S. 34-35
Hans von Heydebreck: Reitlehrer und Reiter – Eine Anleitung nach den Grundsätzen der Deutschen Reitvorschrift; Nachdruck der Ausgabe von 1928, FN-Verlag, Warendorf 1987 – S. 51
Eberhard Hübener: Schmeichelnder Sitz, atmender Schenkel, flüsternder Zügel (1999); 2. erweiterte Auflage, Olms Presse, Hildesheim 2002 – S. 43-74 und Anhang Wie soll der Reiter sitzen – und weshalb?
Susanne Miesner, Michael Putz, Martin Plewa: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (1994); FN-Verlag, Warendorf 2000 – S. 74 und 90
Susanne Miesner, Michael Putz, Martin Plewa, Eckart Meyners, Angelika Frömming: Die Deutsche Reitlehre – Der Reiter; FN-Verlag, Warendorf, 2000 – S. 80 und 94
Claus Penquitt: Die Freizeitreiter-Akademie; Franckh-Kosmos, Stuttgart 1993 – S. 65-66
Heinrich und Volker Schusdziarra: Gymnasium des Reiters; Paul Parey, Berlin und Hamburg 1978 – S. 39
Waldemar Seunig: Von der Koppel bis zur Kapriole (1941); Fretz & Wasmuth, Zürich 1949 – S. 68
und: Reitlehre von heute; Erich Hoffmann Verlag, Heidenheim 1956, S. 131
Peter Spohr: Die Logik in der Reitkunst; Reprint von vier, zwischen 1903 und 1909 erschienenen Werken, Olms Presse, Hildesheim 1979 – Teil 1, S. 48 und 57; Teil 2, Seite 20-21; Teil 3, S. 46
Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes (1884); 9. Auflage, Dr. Rudolf Georgi, Aachen 1975 – S. 16
Stand: 8. Jan. 2004
1 Übrigens saßen, wie wir noch sehen werden, dem Irrtum auch Experten auf, denen extreme Nähe zur FN durchaus nicht nachzusagen ist.
2 Offenbar hat er Gustav Steinbrecht, der schon 1884 ziemlich klar und unmißverständlich beschrieben hatte, wie sinnvolle Schenkelhilfen entstehen (S. 16 und 150-151) nicht gelesen, nicht geglaubt oder nicht verstanden.
[nach oben]
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